Komplexe Gefühle
Es gibt Momente im Leben, die sich anfühlen wie ein Traum.
Nicht, weil alles perfekt ist.
Sondern weil etwas, das längst begraben schien, plötzlich wieder atmet.
Man trifft einen Menschen wieder, den man eigentlich nur verabschieden wollte. Man fährt mit dem Gedanken los, einen Abschluss zu finden, und kommt mit einem Herzen zurück, das plötzlich wieder schlägt und Gefühle von damals aktiviert.
So war es bei mir.
Wir haben geredet.
Nicht oberflächlich.
Nicht mit Masken.
Sondern so ehrlich, wie ich es selten erlebt habe.
Über Fehler.
Über Schuld.
Über Verletzungen.
Über Verantwortung.
Und plötzlich war da wieder diese Verbindung.
Nicht nur Erinnerungen.
Sondern dieses merkwürdige Gefühl, dass zwei Menschen sich noch immer verstehen, obwohl zwischen ihnen eigentlich alles kaputt gegangen ist.
Vielleicht kennt ihr das.
Man denkt, man hätte etwas verarbeitet.
Bis man davor steht.
Dann merkt man, dass verarbeitet nicht immer bedeutet, dass nichts mehr da ist.
Die letzten Tage waren schön voller Erinnerungen. Und gleichzeitig unglaublich kompliziert.
Denn manchmal begegnet man einem Menschen genau zum falschen Zeitpunkt. Nicht, weil die Gefühle falsch sind.
Sondern weil das Leben inzwischen ein anderes geworden ist.
Es gibt Verpflichtungen.
Es gibt andere Menschen.
Es gibt Entscheidungen, die man nicht leichtfertig zerstören möchte.
Und genau deshalb standen wir beide ständig zwischen vergangene Erinnerungen wieder aktivierten Gefühlen und Vernunft.
Vor ein paar Tagen schrieben wir uns noch Dinge wie:
“Wir wollen beide safe mit allem sein.”
Ein Satz, der mir bis heute im Kopf geblieben ist.
Denn eigentlich wollten wir genau das.
Niemanden verletzen.
Niemanden verlieren.
Und trotzdem herausfinden, was diese Verbindung eigentlich noch bedeutet.
Dann wurde es plötzlich still.
Ein ganzes Wochenende.
Früher wäre ich daran zerbrochen.
Ich hätte jede Minute analysiert.
Jeden Gedanken gegen mich verwendet.
Mir tausend Geschichten erzählt.
Doch diesmal war etwas anders.
Natürlich habe ich die Verbindung vermisst, oder auch ihn.
Vielleicht habe ich auch gehofft, dass vielleicht doch eine kleine Nachricht kommt.
Aber ich habe gewartet. Nicht aus Stolz. Sondern weil ich wusste, dass es Gründe geben könnte.
Montags habe ich mich dann gemeldet.
Nicht mit Vorwürfen, auch nicht mit Drama, einfach ehrlich.
Ich habe gesagt, wie es mir ging, dass ich nicht interpretieren möchte, dass ich lieber frage als mir Antworten auszudenken.
Für mich war das ein riesiger Schritt.
Die Antwort tat trotzdem irgendwie weh.
Nicht, weil sie böse war, sondern weil sie mich daran erinnerte, wie kompliziert unsere Realität ist.
Er war am Wochenende bei seiner Partnerin.
Er schrieb, dass es ihm psychisch schlecht geht, dass seine Probleme gerade größer sind als alles andere.
Und plötzlich wurde mir klar:
Manchmal will das Leben keine einfachen Geschichten.
Manchmal gibt es keine Gewinner.
Nur Menschen, die gleichzeitig fühlen und leiden und einfach nicht wissen wie sie es einordnen sollen.
Ich saß da, ich habe geweint, nicht leise, nicht ein bisschen.
Und wisst ihr was?
Zum ersten Mal habe ich versucht, den Schmerz nicht sofort loszuwerden. Sondern ich habe ihn einfach da sein lassen.
Ohne sofort zu kämpfen, ohne sofort etwas reparieren zu müssen, ohne den anderen verändern zu wollen.
Ich habe es einfach gefühlt und mich all dem einfach gestellt, der Realität und der Wahrheit das ich einfach noch nicht abgeschlossen habe und es mich deswegen trifft.
Vielleicht ist genau das Heilung, nicht, keine Tränen mehr zu haben, sondern ihnen nicht mehr auszuweichen.
Mir ist in diesen Tagen etwas bewusst geworden.
Liebe bedeutet nicht immer, jemanden festzuhalten, und kann in so vielen verschiedenen Facetten und stärken und auf so vielen Ebenen bestehen.
Denn manchmal bedeutet sie auch, anzuerkennen, dass der andere gerade kämpft. Auch dass man nicht jede Wunde schließen kann, das aber auch nicht muss.
Dass man nicht jede Angst weg reden kann.
Und dass Fürsorge manchmal darin besteht zu sagen:
“Wenn ich etwas tun kann, bin ich da. Wenn du Ruhe brauchst, respektiere ich das ebenfalls.”
Früher hätte ich das wahrscheinlich nicht geschafft. um so stolzer bin ich das ich das nun verstehe und umsetzen kann.
Ob wir uns vor seiner Abreise noch einmal sehen werden, weiß ich heute nicht.
Ob diese Geschichte irgendwann ein Ende bekommt, oder auch welches, weiß ich genauso wenig.
Und vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht alles muss heute entschieden werden.
Nicht jede Geschichte zeigt uns ihr Ende, während wir noch mittendrin stehen.
Was ich aber weiß, ist etwas anderes.
Ich bin heute ehrlicher mit meinen Gefühlen als jemals zuvor. Ich laufe ihnen nicht mehr davon. Ich verstecke sie nicht. Ich benutze sie aber auch nicht mehr als Waffe.
Ich lerne langsam, sie einfach auszusprechen.
Und vielleicht…
ist genau das der größte Unterschied zwischen der Frau, die ich vor zwei Jahren war, und der Frau, die diesen Text heute schreibt.
Nicht, weil sie weniger liebt, nein im Gegenteil sie ist viel komplexer geworden, viel Facettenreicher und ehrlicher zu sich selber.
Sondern weil sie gelernt hat, dass Liebe niemals bedeuten darf, sich selbst zu verlieren.
Auch das sie in verschieden Formen kommt, und ein Gefühl das andere nicht ausschließt, da wir sehr komplexe Wesen sind!
In Liebe,
Eure Nana 🩷